04.04.2014 von: Jeroen Damen

Manchmal bringt dich ein Kunstwerk gehörig durcheinander. Noch bevor du es dir genauer angeschaut hast, ruft es bereits eine Emotion in dir hervor. Wissenschaftler unterscheiden zwischen Emotion und Gefühl. Emotion ist die Reaktion deines Körpers: Dein Herz klopft schneller, du errötest, du gerätst in Aufregung. Danach erst kommt das Gefühl. Es ist das Bewusstwerden deiner Emotion. Es dringt zu dir durch, dass du gerade Erregung oder Scham verspürst.
Wie dem auch sei, es geht immer um das Erleben im Sinne von ,etwas wahrnehmen'. Das hat mit ,Lernen durch Erfahrung' zu tun. Dich erneut auf etwas einlassen, das zuvor schon einmal stattgefunden hat und dir dessen (erneut) bewusst werden. Bildhauerkunst nutzt dieses Phänomen gerne und ausgiebig. Und Karin Arink auch.

Ihre Skulptur Petrified Nike (siehe oben) ist nicht groß. Vor allem ist sie sehr verletzlich. Sie sieht aus wie eine aufgespannte Haut, deren Oberfläche aus mehreren Schichten besteht. Die äußere, rosa Schicht ist gerissen und verschrumpelt, verwundet, und liegt wie eine Kruste über der dichteren Schicht – oder dem rosa Fleisch – darunter. Die wiederum ist an einen weißen Leib geheftet, der sich darunter befindet. Das Ganze ist mit Stofflappen an Haken an der Wand aufgehängt.
Die Form wirkt unheimlich vertraut, kann aber nicht präzise gedeutet werden. Hier hängt kein Mensch, vielleicht ein Tier. Weil aber ein Kopf fehlt, ist das nicht zu erkennen. Sind das zwei Arme? Ist der unterste Ausläufer ein Hals? Schaue ich mir einen Brustkorb an, der über Kopf hängt?

Het verwarrende is dat niet één, maar twee verschillende ervaringen worden opgeroepen, die zich allebei ooit eerder hebben voorgedaan. De een hoort bij een sculptuur, de ander bij een schilderij, beiden uit het Louvre. De eerste anoniem, de ander van Rembrandt.

Nike

Nikè von Samothrake, 190 v. Chr., Anonym, Marmor, Höhe: 328 cm, Paris, Louvre

Selbstverständlich stellen die Arme von Karin Arinks Skulptur einen bildlichen Reim auf die Flügel der berühmten Siegesgöttin aus dem Louvre dar.
Außerdem nennt sie ihre Skulptur wörtlich übersetzt ,versteinerte Nike'. Nike ist die griechische Siegesgöttin der Antike. Mit ihrem Titel ruft Karin unmittelbar Erinnerungen an diese hellenistische Statue wach. So wird auch das Fehlen eines Kopfes erklärbar, und auch die beiden nach innen gebogenen Umformungen an der Stelle, wo eigentlich die Beine anfangen würden.

Nun mag dies alles durchaus so sein, eine schlichte Kopie der Nike macht Karin Arink jedoch nicht. Sie drückt ihr deutlich ihren Stempel auf. Die Form schränkt sie ein und sie betont die Haut. Damit pellt sie gleichsam das Unbesiegbare von der Göttin ab. Ihre ,Petrified Nike' erinnert mehr an eine besiegte Frau. Das Aufspannen und Betonen der Haut erinnert an ein anderes Kunstwerk.

os

Der geschlachtete Ochse 1655
, Rembrandt van Rijn
, Öl auf Leinwand, 94 x 76 cm, 
Paris, Louvre

Der berühmte ,geschlachtete Ochse' von Rembrandt van Rijn, unter anderem nachgebildet von Chaim Soutine und Marc Mulders. Ein biblisches Thema aus dem Gleichnis des verlorenen Sohnes („Und bringet ein gemästet Kalb her und schlachtet's; lasset uns essen und fröhlich sein!" Lukas 15:23). Der Ochse wurde für die Zubereitung eines Festessens geopfert. Die aufgespannte Karkasse erinnert an eine Kreuzigung.
Vielleicht wurde er deshalb auch im 17. Jahrhundert von Martin van Cleve und im 20. Jahrhundert von Marc Chagall und Francis Bacon gemalt, der diesem auch noch den Papst Pius X. von Velázquez hinzufügt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Karin Arink beide Kunstwerke kennt. Und auch wenn sie vielleicht nicht bewusst daran gedacht hat, als sie ihre Petrified Nike erschuf, werden sie wohl doch eine Rolle gespielt haben.

Die widersprüchliche Darstellung von Sieger und Besiegtem – beide unter der Haut zugegen – wecken die verwirrenden Emotionen, die durch die Skulptur Karin Arinks hervorgerufen werden. So stark man auch ist, scheint sie sagen zu wollen, alle Kraft ist verletzlich. Und in dieser Verletzlichkeit ist genau wie bei der Göttin von Samothrake und dem Ochsen eine gewisse Schönheit zu finden, die man so nicht erwarten würde. Verletzlichkeit bewegt.

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