31.01.2014 von: Jeroen Damen

Sicher, für einen Augenblick liest man, was man sieht: eine Tochter auf den Schultern ihres Vaters. Eine einfach gehaltene Skulptur mit zeitgenössischen, glatten Formen. Die Sache ist schnell abgehakt. Warum aber lässt uns diese Skulptur dann nicht los?

Weil sie so groß ist? Aus beinahe drei Metern Höhe blickt das Mädchen auf uns herab. Oder schaut sie etwa auf den Boden, ein wenig eingeschüchtert von dieser immensen Tiefe, ein bisschen ängstlich, weil sie herunterzufallen droht? Ihre Füße sind gerade nach unten ausgestreckt, als wolle sie ihr Gleichgewicht halten.

Vater und Tochter wirken auch ein bisschen possierlich, ungeschickt, hilflos. Nach dem Motto: Wir können doch auch nichts daran ändern, dass wir sind wer wir sind?

Ist sie wirklich ein Mädchen oder etwa schon eine Frau? Ist ihr Kleid nicht ein wenig altjüngferlich? Was bedeuten diese entblößten Körperteile, die Unterarme des Vaters, seine bloßen Hände, die die bloßen Beine des Mädchens festhalten?

Ja aber das ist doch ein hübsches Bild! Das ist doch, was jede Tochter will, Hoppe-Hoppe-Reiter auf des Vaters starken Schultern? Das ist doch, was jeder Vater will, hottehü hottehü durch das Zimmer galoppieren, sie auf seinem starken Rücken tragen, während sie sich fest an seinen Kopf klammert. Aber... Man schaue sich noch einmal das Mädchen an. Es gibt kein Hottehü, es gibt kein Festklammern. Sie streicht sich, einigermaßen zögerlich, mit einer Hand durch das Haar. Ihr Kleid bedeckt des Vaters Kopf, der darunter so stark zur Geltung kommt, dass sie schwanger zu sein scheint. Und er galoppiert nicht, macht kein Hottehü. Er wartet – mit leicht gebeugten Knien, sehr vorsichtig, die Füße nebeneinander.

Ist hier vielleicht genau jener Moment festgehalten, in dem sowohl Tochter als auch Vater sich darüber klar werden, dass die Zeit für derartige Spielchen vorbei ist? Dass jeder von ihnen ab jetzt andere Wege gehen wird, sie mit einem anderen Mann und er ohne sie. Aber nein, er ist natürlich schon seit langem voll und ganz in ihr gegenwärtig, und wenn sie demnächst vielleicht irgendwann einmal wirklich schwanger werden sollte, wird sich etwas von ihm in ihrem Kind festsetzen. Deutlicher kann uns das Bild dies nicht vor Augen führen.
Es ist die Skulptur selbst, die dieses Philosophieren in uns wachruft, während man den beiden in der intimen Stille, in der man mit ihnen zusammen ist, fast schon zu aufdringliche Beachtung schenkt. Ihnen so nahe zu sein, löst Unbehagen aus, wo es doch eigentlich die normalste Sache der Welt sein müsste, fast schon zu normal, Vater mit Tochter...

Als ich 2012 eine Ausstellung von Paul im Stedelijk Museum in Kampen eröffnen durfte sagte ich Folgendes: „In einer Zeit, in der es von Schlagzeilen über Missbrauch in der Kirche, in Kindertagesstätten und in Pflegefamilien nur so wimmelt, die gleichzeitig eine Zeit ist, in der es sich 4 Millionen Menschen sonntagabends vor dem Fernseher gemütlich machen, um zu sehen, wie eine Frau nach der anderen versucht, sich ihren Lieblingsbauern zu angeln, muss Intimität, und auch sexuelle Intimität, neu überdacht werden. Dabei geht es nicht um falsche Gefühle oder darum, belehrend den Zeigefinger zu heben, sondern um die Inaugenscheinnahme von allem, was mit Intimität zu tun hat. Es stellt sich raus, dass Bildhauer Paul de Reus dafür einen ausgezeichneten Weg hat finden können: nämlich das Konservieren genau jenes Moments einer bildlichen Vorstellung, in welchem unser Gefühlschaos am größten ist."

So gesehen ist die Skulptur Vater mit Tochter ein zeitgenössisches Bild für die Ewigkeit. Es passt in die Ausstellung eines Klosters, das vor Jahrhunderten mit Frauen seinen Anfang nahm, in einer Zeit, da Frauen nicht einzig aus religiösen Gründen ins Kloster eintraten. Die Skulptur selbst ruft gegenwärtig ein anderes Denken über Frauen wach, während sie durch ihren Platz in dieser Ausstellung zugleich auch selber eine andere Bedeutung erhält. Skulptur und Ausstellung beeinflussen sich gegenseitig.

    über Paul de Reus