11.06.2014 von: Jeroen Damen

Mich erwartet eine Überraschung. Zusammen mit Merel schlendere ich durch die Räumlichkeiten rund um ihr Atelier. Verschläge voller Eisenzeug, Maschinenersatzteile, Hausrat, Werkzeug und andere kaum noch als solche zu erkennende Geräte. Das sind ihre Schatzkammern. Irgendwann – weiß sie, und beweist es auch von Mal zu Mal wieder – entsteht aus dieser Materie eine neue Skulptur. Am liebsten eine, die sich bewegt. Sie zeigt mir die Skulpturen, die in Bredelar zu sehen sein werden. Teil für Teil und noch nicht zusammengefügt (teils in einem hoffnungslos jämmerlichen Zustand), wozu sie munter anmerkt: „Dann hast du auf jeden Fall schon einmal das Material gesehen.“

Weil es das Material ist, um das es geht! Wie oft ich das noch hören werde, während meiner Atelierbesuche bei all den Bildhauern.
Und es stimmt. Wenn man sich bei Merel die Fotos von Die Orgel des Urteils ansieht, dann ist nicht mehr viel von all dem Zeugs in ihren Schatzkammern wiederzuerkennen. Ganz im Gegenteil – die Bestandteile sind tadellos maßgefertigt, sorgfältig entrostet, verschweißt, gefeilt und angestrichen, allesamt gleichgroß und vor allem: allesamt funktionell. Ich hoffe auf eine laut tönende Maschine, denn dafür habe ich in unserem wunderschön renovierten, ohrenbetäubend stillen Kloster eine ganz besondere Ecke. Ich kann mir jetzt schon vorstellen, wie es funktioniert: Man dreht an dem Rad und setzt damit die Hämmer über den viereckigen Orgelpfeifen in Bewegung. Aber was dann? Wie klingen die Pfeifen, die da so ordentlich und gleichgroß in Reih' und Glied stehen? Wie sind die Unterbrechungen, zwischen der einen und der anderen? Erklingen sie vielleicht auch mal zusammen? Gibt es Harmonie? Einen Akkord? Als ich Merel das frage, lächelt sie nur geheimnisvoll. Und ich kann sie denken sehen: „Wart’s nur ab, Junge.“

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Nachdem sie das Kloster in Bredelar besucht hatte, präsentierte sie noch eine weitere Skulptur, für den Außenbereich. „Das Ding, das es völlig leid ist und sich selbst eingräbt“. Ist es verrückt, dass ich bei dieser Skulptur an „Attica“ von Robin Kolleman denken muss, die bald in derselben Ausstellung zu sehen sein wird? Sowohl der Titel als auch die Flügel erinnern mich daran, und mir wird klar: Die Ausstellung wird einen neuen Kontext bilden, in dem die Skulpturen aufeinander reagieren. Sie sind keine Einzelstücke mehr und prägen gemeinschaftlich das Gesamtbild der Ausstellung, welche wie ein Gedicht gelesen werden kann. Ein Gedicht, in welchem jedes Wort und jede Zeile eine neue Bedeutung erhält, während sie ein völlig unerwartetes Ganzes formen.

 

 

 

 

 

 

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Das Ding, das es völlig leid ist und sich selbst eingräbt - 2011 - Metall, Folie und Taue - L x B x H = ca. 300 x 300 x 200 cm

Und das Gedicht – das muss einmal gesagt werden – schreibe ich nicht selbst und nicht allein. Es sind vielmehr die Künstler, die die Skulpturen herbeischaffen, und die Skulpturen selbst, die miteinander in Beziehung treten, der Zeitgeist – was auch immer das sein mag –, die Begegnung, das Kloster, die Ruinen sowie die Atmosphäre der Vergangenheit und der jetzigen Region. Das alles wird aber auf jeden Fall von Anwesenheit getragen. Man sollte aufpassen, dass „das Ding, das es völlig leid ist“, sich nicht so tief eingräbt, dass es nicht mehr zu sehen ist.

Gehören diese Skulpturen nicht genau deshalb in diese Ausstellung, weil man sie dazu gemacht hat, die hiesigen stillen Gründe erneut zum Leben zu erwecken? Hat die Künstlerin mit ihren Entwürfen womöglich etwas ganz Spezielles vor, ein „Urteil“ über das Kloster in Bredelar oder ist sie es vielleicht sogar „völlig leid“? Postiert sie sich nachdrücklich an der Seite der Eisenindustrie, die sich hier über hunderte von Jahren ausgebreitet hat? Die Skulpturen werden es uns erzählen, wenn sie dort erst einmal stehen, im Sommer. Welch ein Abenteuer...

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